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OHS · Flieger-Werdegang > Theoretische Ausbildung

Lehrklasse mit Offiziersschülern

Gesamtablauf der Ausbildung

Planmäßig wurde die Ausbildung zum Hubschrauberführer der NVA in 4 Studienjahren durchgeführt, wobei nicht nach der späteren Verwendung in den LSK/LV, Landstreitkräften (Armeefliegerkräften) oder Volksmarine unterschieden wurde, wie dies bei anderen Streitkräften der Welt üblich ist. Nach einer ersten theoretischen Periode von ca. 9 Monaten erfolgte die fliegerische Ausbildung auf dem so genannten Typ I (Mi-2), die ein knappes Jahr dauerte. Die zweite theoretische Periode sollte uns weitere Fachkenntnisse und typbezogenes Wissen vermitteln. Die sich anschließende fliegerische Ausbildung auf dem Typ II (Mi-8) vollzog sich bis in das 4.Studienjahr hinein. Im Anschluss wurden die Offiziersschüler zu einem Truppenpraktikum in die für sie vorgesehenen Einsatztruppenteile versetzt; erst zum Abschluss des Studiums kehrten sie für Prüfungen und das Anfertigen der Diplomarbeit sowie deren Verteidigung nach Brandenburg zurück.

In Ergänzung zu den so herangebildeten Hubschrauberführern wurde in der zweiten Hälfte der 80er Jahre jedes Jahr ein Teil der Offiziersschüler mit Beginn des 4.Studienjahres in die Sowjetunion versetzt. In Frunse (Kirgisische SSR) wurde hier für fast ein Jahr die Ausbildung auf dem Typ Mi-24 durchgeführt. Damit standen den Armeefliegerkräften der NVA junge, auf Mi-24 ausgebildete Hubschrauberführer zur Verfügung, die bereits über Flugstunden und praktische Erfahrungen bis hin zum Schießen verfügten, wie sie in der NVA nicht ohne weiteres realisiert werden konnten.

Für genau diese Ausbildung war jeweils der 1.Zug vorgesehen. Der Zug 861, dem auch ich angehörte, hatte von Beginn an ein etwas umfangreicheres und zeitmäßig gestrafftes Ausbildungsprogramm, um bis zum Ende des 3.Studienjahres bereits den kompletten Teil der theoretischen Ausbildung absolviert zu haben - schließlich würden gegenüber den weiter in Brandenburg ausgebildeten OS einige Wochen Zeit fehlen. Insbesondere wurde der Russischunterricht erweitert; so standen hier ca.400 Stunden im Ausbildungsplan.

Zeitlicher Ablauf der Ausbildung

Erste theoretische Periode

Nach unserem ersten Urlaub stürzten wir uns voller Elan in die theoretische Ausbildung, die uns auf unserem Weg als Hubschrauberführer endlich weiter bringen sollte; bisher hatten wir ja den Hubschrauber bis auf eine Ausnahme nur aus großer Entfernung gesehen. Exakt hieß diese Ausbildungsphase nun Spezialfachliche Ausbildung (SFA). Zunächst wurde ein großer Strich unter die Grundausbildung gezogen: nun wandelten wir uns von den „Soldaten“ in Offiziersschüler. Gern wurden wir auch schon mal mit der Bezeichnung Militärstudenten bedacht, obwohl das Wort Student in keiner Weise den Lebensumständen an einer OHS der NVA entsprach.

Die militärischen Strukturen wurden der veränderten Situation angepasst: im Laufe der Grundausbildung hatte sich unser Bestand um einige Kameraden verringert. Neben denen, die sich spontan entschlossen, nicht mehr Offizier werden zu wollen und das Entlassungsgesuch eingereicht hatten, wechselte ein Kamerad auf Grund der mit einem Male (?) besseren gesundheitlichen Einstufung zu den Jagdfliegern nach Bautzen. So kamen in unserem Jahrgang ca.80 Offiziersschüler zusammen, die in der 86. Kompanie (Gemäß der Sektion 8 der OHS der LSK/LV, Ausbildungsbeginn 1986) zusammengefasst wurden. Unterteilt war die Kompanie in 3 Züge; die Angehörigen des künftigen 1.Zuges waren bereits in den letzten Tagen der Grundausbildung nach Gesprächen mit Kompaniechef und Zugführern „ausgesucht“ worden, da ihnen ein ganz besonderes Stück Ausbildung zuteil werden sollte: das 4.Studienjahr in der Sowjetunion.

Am 1.Oktober 1986 begann ich mein Offiziersschüler-Dasein im 1.Zug. Neben den neuen Eindrücken, die auf uns einstürmten, galt es zunächst, die Vorgesetzten innerhalb der Kompanie fest zu legen. Nicht dass es nun Demokratie in einer Armee gab – aber an Diskussionen über die Eignung von Offiziersschüler für das Befehligen anderer Offiziersschüler kam man in Interesse der Führungsqualität einfach nicht vorbei. Am Kompaniechef und den Zugführern (Offiziere) gab es selbstverständlich kein Vorbeikommen, einzig die Stellvertretenden Zugführer (dann als Offiziersschüler/Zugführer, OS/ZF bezeichnet) und die Gruppenführer wurden aus unserem Offiziersschülerbestand ausgesucht. Zweifellos für die meisten recht schwierig, da außer der Grundausbildung überhaupt keine militärische Erfahrung vorhanden war und das Wahrnehmen einer Vorgesetzten-Rolle unter eigentlich gleichen Kameraden nicht unbedingt jedem auf den Leib geschneidert ist. So gab es also im Anschluss 3 Offiziersschüler, die quasi als Zugführer auftreten mussten, und etliche Gruppenführer, die jeweils 6 bis 7 OS in ihrer Gruppe zu führen hatten. In diesem Atemzuge wurden sogleich auch die gesellschaftlichen Funktionen „mitverteilt“: immerhin galt es, auch FDJ-Sekretär oder den ASV-Verantwortlichen zu bestimmen. Später würde zwar alles noch einmal einer Wahl in den entsprechenden Mitgliederversammlungen unterworfen, aber an dieser Stelle wurden bereits die dafür tauglichen Kandidaten festgelegt und in ihr Amt eingeführt.

Generell durchsetzten die gesellschaftlichen und parteipolitischen Organisationen (selbstverständlich in Form der SED) das militärische Leben. Die militärischen Strukturen deckten sich nahezu vollkommen mit den Gruppierungen in der SED oder dem ASV. Somit sahen wir überall die gleichen Gesichter und führten ähnliche Diskussionen. Natürlich war an das eigentlich gewünschte und angestrebte Maß an Demokratie und Gleichberechtigung nicht zu denken. Einzig bei der FDJ gab es eine Altersgrenze von 26 Jahren. Damit kamen zwar alle Offiziersschüler, jedoch nicht die gestandenen Offiziere (abgesehen vom Politstellvertreter der Einheit oder des Geschwaders) in solchen Veranstaltungen zusammen.

Zunächst durften wir auch unsere Uniformen wechseln. Während die Grundausbildung uns unausweichlich in die „beliebte“ Felddienstuniform zwang, konnten wir nun unseren Tag in Dienstuniform verbringen. Üblich war für die OS bis zum 3.Studienjahr die Stiefelhose. Hemdbluse und Koppel bzw. Jacke und Koppel während der Übergangszeit und Winter. In Abwandlung der per Dienstvorschrift festgelegten Anzugsordnung trugen wir Käppi, was auch erheblich leichter irgendwo zu verstauen war als die Schirmmütze. Im Winter jedoch saß nach wie vor die wärmende Wintermütze (umgangssprachlich "Bäfo")auf unserem Kopf.

Das Tragen der Stiefelhose hatte jedoch nicht nur Vorteile. Zwar konnte man sich im Bedarfsfall recht schnell seines Fußkleides entledigen, jedoch traten nach längerer Zeit arge Probleme mit Schweißfüßen auf. Immerhin trugen wir die Stiefel 12 Stunden am Tag. Nach umfangreichen „Beanstandungen“ wurde noch im Laufe meines ersten Studienjahres die Anzugsordnung für die Offiziersschüler der gesamten OHS auf "Hose lang" geändert, was bis dahin nur den Offiziersschülern ab dem 3.Studienjahr zugestanden wurde.

Mit unserem Einzug in die theoretische Ausbildung war natürlich auch ein Umzug innerhalb des Unterkunftsgebäudes fällig. Dafür verantwortlich waren nicht nur die „umsortierten“ Offiziersschüler des 1.Zuges, die nun den Spitznamen Frunse-Kette trug, auch zog die gesamte 86. Kompanie an einem extra von der Ausbildung frei gestellten Nachmittag ein Stockwerk höher. Wechsel mit bisher dort logierenden 3.Studienjahr, die uns um Lichtjahre voraus waren. Aufs Neue hieß es nun, die Spinde vorbildlich zu bestücken (mit dem ND im Unterhemden-Stapel konnte man aber gewissermaßen en bloc umziehen), die dank des Transportes von allerlei Einrichtungsgegenständen abgetretenen Fußböden auf Hochglanz zu wienern und uns mit dem neuen Umfeld vertraut zu machen.

Im Laufe der Jahre entstand in Brandenburg ein gewisses Wirrwarr an Einheiten, denen wir zugeordnet waren. Immerhin überschnitten sich in Brandenburg die Verantwortungsbereiche einiger vorgesetzter Kommandeure.

Offiziell wurde die 86. Kompanie der Sektion 8 (nach wenigen Monaten infolge der Ausgründung der OHS der LSK/LV für Militärflieger – und so wurde die Sektion 8 in die Sektion 4 überführt) unterstellt, damit war sie eine „ganz normale“ Kompanie mit Kompaniechef, als Kommandeur des Truppenteils fungierte der Sektionskommandeur Oberst Schäfer, der in dieser Funktion einem Regiments-/ Geschwaderkommandeur gleich gestellt wurde. Gleichzeitig war das gesamte Objekt in der Magdeburger Straße dem HAG-35 mit dem Geschwaderkommandeur OSL Zahl unterstellt. Das Geschwader mit seinen beiden Hubschrauberausbildungsstaffeln (I. und II. HAS) zeichnete für die fliegerische Ausbildung verantwortlich, während die Offiziere der Sektion 8 (4) die theoretische Ausbildung führten.

Üblich war im Ablauf der Offiziersschüler-Ausbildung, dass diese während ihrer theoretischen Ausbildungsperioden Angehörige der Sektion 8 waren und jeweils zum Beginn ihrer fliegerischen Ausbildung in das HAG-35 und die entsprechende Hubschrauberausbildungsstaffel versetzt wurden (Mi-2: I. HAS, Mi-8: II. HAS).

Somit vollzogen wir unseren Beginn als 86. Kompanie mit einem 1., 2. und 3.Zug als Angehörige der Sektion 8. Noch vor Beginn unserer fliegerischen Ausbildung am Ende des 1.Studienjahres setzte sich jedoch die Idee durch, dass auch die Offiziersschüler in der theoretischen Ausbildung Angehörige der Hubschrauberausbildungsstaffeln sein sollten und so dem Befehl der (künftigen) Fluglehrer unterstehen. Zwar hatten diese überhaupt noch keine Zeit für uns, waren sie doch mit dem Jahrgang vor uns vollends beschäftigt.

Unsere Zugführer blieben jedoch, sie waren quasi die einzigen, die nach wie vor sämtliche Belange rund um unsere theoretische Ausbildungsphase koordinierten.

Tagesablauf

Die theoretische Ausbildung bescherte uns eine vollkommene Umstellung des gewohnten Tagesablaufes. Richtete sich dieser in der Grundausbildung nach dem allerorts in der NVA gebräuchlichen Ablauf, so kamen nun auf uns Änderungen zu.

TDAP Wochentags
5.40 Wecken
5.45-6.05 Frühsport
6.05-6.25 Morgentoilette
6.25 Abrücken zum Frühstück
6.30-7.05 Frühstück
7.05-7.25 Stuben- und Revierreinigen
7.25 Morgenappell
7.45-9.15 1.Unterrichtseinheit
9.15-9.45 2.Frühstück
9.45-11.15 2.Unterrichtseinheit
11.30-13.00 3.Unterrichtseinheit
13.00 Mittagessen
13.45 Dienstausgabe
14.00-15.30 4.Unterrichtseinheit
15.45-17.15 5.Unterrichtseinheit (in der Regel Selbststudium)
17.15 Abendessen
18.00 Reinigung des Schulgebäudes für den Melderzug, ca. bis 19.00Uhr
-oder-
18.00-19.30 6.Unterrichtseinheit (wurde für Dienstag befohlen)
-22.00 Freizeit
22.00 Nachtruhe
TDAP Samstag
5.00 Wecken
5.45-6.05 Frühstück
6.30-8.00 1.Unterrichtseinheit
8.15-9.45 2.Unterrichtseinheit
10.00-11.30 3.Unterrichtseinheit
12.00 Dienstausgabe bzw. Urlaubsappell
13.00 Reinigung des Schulgebäudes für den Melderzug
16.15 Abendessen

Wie allgemein in der NVA üblich, begann auch unser Tag zumeist mit der Trillerpfeife, die lautstark das Ende der Nachtruhe verkündete. Sogleich erschallte der Ruf des UvD „Fertigmachen zum Frühsport!“.

Sport

Der Frühsport, das ungeliebte Kind der NVA, verfolgte uns in den ersten 3 Jahren unseres Offiziersschüler-Daseins gnadenlos, wenn auch an den Tagen der fliegerischen Ausbildung kein Frühsport gemacht wurde. Dafür gab es aber an all den anderen Tagen keine Abstriche, denn unabhängig von jedem Wetter und der draußen herrschenden Dunkelheit mussten wir uns pünktlich um 5.45 Uhr hinaus begeben. Der Frühsport sollte uns Armeeangehörigen in die Lage versetzen, unserem Körper bereits unmittelbar nach dem Wecken Höchstleistungen abzuringen. Dazu waren in der NVA verschiedene Frühsportarten befohlen: dies reichte vom lockeren 3000m-Lauf über Kraftsport mit Kettengliedern bis hin zum Schutzmasken-Training. Wir Offiziersschüler führten den Frühsport generell unter Leitung unseres OS/ZF durch, so dass wir zumeist eine wenig anstrengende Variante der leichten Gymnastik fanden, die wir dazu noch in dem für den normalen Passanten auf dem Kasernengelände nicht einsehbaren Teil der Sturmbahn ausführten. Bewegung war also nur bei unmittelbarer Annäherung eines Kontrolloffiziers notwendig. Generell konnten wir dem Frühsport nicht unbedingt die notwendige Freude abringen; insbesondere im Winter kroch die Kälte in uns, waren wir zumeist doch nur mit Sportzeug kurz „Rot-Gelb“ und dem Trainingsanzug darüber ausgerüstet. Natürlich waren wir OS erfinderisch und wussten zwischen beide Bekleidungsschichten noch eine Lage lange Unterwäsche oder unsere warmen Flieger-Pullover einzufügen.

Generell gab es unabhängig vom täglich zu absolvierenden Frühsport in der Woche ein bis zwei Unterrichtseinheiten mit Physischer Ausbildung (PhA, auch als MKE=Militärische Körperertüchtigung bezeichnet). Hierbei wurde das übliche Programm absolviert, wie es z.B. aus dem Achtertest bekannt ist. Ansonsten reichlich Ausdauertraining mit 3000m-Läufen. Turnen. Kraftsport. Seltener Fußball. Unabdingbar für den Soldaten ist ebenfalls Nahkampfausbildung, die wir in mittelmäßigem Umfang ebenfalls erlernten. Insbesondere bei dem vielen Offiziersschüler-Generationen vertrauten Sportoffizier Oberstleutnant Schlanert (†2009) hatte der Kampfsport einen hohen Stellenwert. Auf Grund des ihm eigenen, dem Karate(?) entlehnten Kampfstils, den er uns beizubringen versuchte, erhielt der Sport von uns den Namen „Schlanate“. Mühsam rangen wir uns die gelernten Bewegungen ab. Über die Praxistauglichkeit unserer Übungen machten wir uns keine Gedanken; schließlich hatten wir nicht vor, Fallschirmjäger zu werden. Was zählte, war die Note.

Sporthalle (2004). Seinerzeit ohne Fußweg und Laterne :-( Sportplatz (2004). Allein der Trampelpfad war bis 1990 deutlicher zu erkennen. Im krassen Gegensatz zu den geforderten physischen Leistungen stand die Ausstattung der Dienststelle in der Magdeburger Straße. Der Sportplatz verdiente eine solche Bezeichnung eigentlich überhaupt nicht. Einzig ein mit Geländer abgesperrtes Oval weckte in uns die Erinnerung an einen Sportplatz. Der Trampelpfad, welcher die mit 2 Fußballtoren ausgestatte Rasen- bzw. Dreckfläche umgab, wurde im Laufe unserer Ausbildung häufig als Laufstrecke genutzt, bot er doch noch die besten Bedingungen in Bezug auf Untergrund und Messbarkeit der Strecke. An der ungewöhnlichen Rundenlänge von knapp 300m störten wir uns nicht wirklich. Als Alternative hatten wir insbesondere bei OSL Schlanert oftmals nur die „Objektrunde“ zur Verfügung, die als große Runde um die Dienststelle eine Länge von 1000m aufwies. Allerdings konnten wir dem Laufen auf dem dort vorherrschenden Kopfsteinpflaster nur wenig Freude abgewinnen.

Die Sporthalle unterschied sich in ihrer Qualität nicht vom Sportplatz. Eine extrem kleine, alte Halle bot nur wenig Platz für umfassende Betätigung. In Ermangelung besserer Gelegenheiten mussten wir bei schlechtem Wetter mit ihr vorlieb nehmen. Noch mehr Kraftsportgeräte fanden wir in einer separaten Halle, die allerdings „nur“ eine große Garage innerhalb des auf dem Kasernengelände befindlichen Komplexes war. Hier tummelten sich auch allabendlich die unentwegt Kraftsportwilligen, die ihren Körper noch weiter in Form bringen wollten und ihn mit Gewichten und Klimmzügen traktierten. An beiden Sporträumlichkeiten war so ziemlich nichts modern; den unverkennbar typischen und unangenehmen Geruch Sport treibender Männer konnten sie beim besten Willen nicht mehr loswerden.

Viele Elemente der physischen Ausbildung konnten jedoch im Freien trainiert werden; Fliegertrainingsgeräte und Sprungpferd waren auf einer Freifläche installiert, Kraftsport mit den bekannten Kettengliedern, Sturmbahn - für all das konnten wir uns an der frischen Luft aufhalten.

In späteren Monaten, während der fliegerischen Ausbildung, wurde zunehmend auf das Üben an den Fliegertrainingsgeräten (FTS, Fliegertrainingssport) Wert gelegt. Eine auch so benannte Sportstunde wurde im Rahmen der Flugvorbereitung absolviert (weitere Anmerkungen dort).

Ausbildung

Nach der frühsportlichen Betätigung stand die Morgentoilette auf dem Programm. Waschen, Rasieren und Bettenbau waren in den verbleibenden Minuten bis zum Frühstück zu absolvieren. Nach dem Frühstück in aller Eile das Stuben- und Revierreinigen.

Die ersten Wochen der theoretischen Ausbildung verlangten uns große Anstrengungen ab. Die Ausbildung wurde normalerweise zugweise in den Lehrklassen durchgeführt, bei außergewöhnlichen Vorlesungen (insbesondere von Lehroffizieren, die extra aus Bautzen anreisten) auch kompanieweise. Allerdings musste dann schon der Regimentsklub als Hörsaal herhalten, da dies in Brandenburg die einzige Räumlichkeit mit entsprechendem Fassungsvermögen war. Der ungewohnt lange Unterrichtstag, bestehend aus zumeist 5 aktiven Unterrichtseinheiten von 90 Minuten Dauer, und die neuen Herausforderungen beim „hochschulgemäßen Lernen“ forderten einige Umstellungen im persönlichen Herangehen an die Lernaufgaben. Waren wir bisher in unserem Leben an den üblichen Unterricht gewöhnt, wo ein Lehrer gemeinsam mit dem Schüler arbeitet, kamen nun verstärkt andere Formen hinzu. Vorlesungen, Selbststudium, selbständiges Erarbeiten von Lerninhalten, umfangreiche Exzerpte und Konspekte, Seminare und Prüfungen forderten uns mehr, als wir anfangs vermuteten. Nicht jedem war das vernünftige Anfertigen von Vorlesungsmitschriften auf den Leib geschneidert, so blieb die Effektivität zurück. Entsetzlich war die erste Unterrichtsstunde, in der unser Lehroffizier für Elektro- und Spezialausrüstung, Oberstleutnant Newiger, uns einen Text vorwarf, dessen Inhalt wir im Anschluss an ein 5minütiges Lesen völlig unvorbereitet notieren sollten. Der Vergleich zwischen Soll und Ist sah verheerend aus.

Unterrichtsgebäude (2004) Unterrichtsgebäude (2004) Mit Beginn des theoretischen Kurses erhielten wir unseren Unterrichtsplan. Dieser war für die nächsten 3 bis 4 Monate vorgeplant. Ungewöhnlich für uns war, dass es nicht einen üblicherweise wochenweise wiederkehrenden Stundenplan gab, sondern sich jeder Ausbildungstag tatsächlich von jedem anderen unterschied. Die Vorteile einer solchen Mammutarbeit, die sich der Planer offensichtlich gemacht hatte, waren uns nicht klar - aber natürlich musste sich irgendjemand etwas dabei gedacht haben. Den Plan erhielt stets der OS/ZF; in Ermangelung von Kopiermöglichkeiten musste jeder Offiziersschüler sich den Plan selbständig abschreiben und dabei Obacht geben auf die verschiedenen Unterrichtsformen: Vorlesung, Studium, Seminar usw. waren mit unterschiedlichen Kürzeln gekennzeichnet und markierten für unseren Ausbildungsablauf besondere Meilensteine.

Anders als bei einem zivilen Studium, wo einem Studenten beim Belegen von Kursen und Vorlesungen mehr oder weniger freie Hand gelassen wird, war unser Studienplan minutiös durchgeplant und festgelegt. Leerlaufzeiten im Unterricht gab es praktisch überhaupt nicht, genau so, wie eine freie Einteilung der Studienzeit anders als bei allen Studenten der Welt ganz einfach nicht möglich war. Die ständige Anwesenheit beim Unterricht war befohlen. Ausnahmen bildeten nur die Tagesdienste als militärische Notwendigkeit. Aber auch hier wurde kein Rückstand beim Wissenserwerb geduldet. Mehr als ein Mal wurde ein in der letzten Unterrichtseinheit abwesender Offiziersschüler mit Fragen zu genau dieser Stunde „getestet“. Gut beraten war also, wer sich mit dem versäumten Stoff rasch beschäftigte. Durch die minutiöse Ausplanung des Studienablaufes war sogar die Zeit für das freie Selbststudium vorgesehen. Daher stand vom Prinzip her genügend Zeit für ordentliches Lernen zur Verfügung.

Gezehrt haben die Ausbildungsjahrgänge von der Leistungsstärke der Kollektive. Gemeinsamkeiten wurden groß geschrieben, größer als bei allen anderen zivilen Studien- oder Lehreinrichtungen. Schließlich gingen wir Offiziersschüler 24 Stunden am Tag miteinander um und kannten nach wenigen Wochen sämtliche Eigenheiten unserer Kameraden. Oftmals waren sie uns nun besser vertraut als unsere ehemaligen Schulkameraden, die bisher unser Leben bestimmten. Als Offiziersschüler in einem gemeinsamen Zug oder Kompanie mussten wir uns aufeinander verlassen können; schließlich fiel die schlechte Leistung Einzelner auf das gesamte Kollektiv zurück. Freilich kam man persönlich nicht mit jedem Offiziersschüler gleich gut aus, aber im Laufe der Zeit wusste man sich zu arrangieren. Normal wurde für uns, dass während der Abwesenheit Einzelner beim Unterricht ein Kamerad gleich eine Durchschrift anfertigte, um den Ausfall so gering wie möglich zu halten. Traten bei einem Mitstreiter dennoch größere Lücken im Verständnis auf, was angesichts des straffen Lernpensums zeitig zu Tage trat, kamen die bewährten „Lernpatenschaften“ zur Anwendung. Meistenteils kamen wir dabei ohne den Befehl Vorgesetzter aus und halfen uns gegenseitig, ohne großes Aufsehen zu erregen. Auf Grund unserer relativ kleinen Jahrgangsstärken von ca. 70 bis 90 Offiziersschülern waren wir nach wenigen Wochen auch den Lehroffizieren persönlich bekannt. Die Lehrer konnten damit schon eine individuelle Leistungseinschätzung vornehmen und gegebenenfalls auch mit persönlichen Gesprächen auf die Situation einzelner eingehen.

Generell waren die Leistungsanforderungen hoch. Grundsätzlich hatte man als Offiziersschüler (und früher als Offiziersbewerber in der Schule, bis hin zum Abitur) mit der von der zivilen Welt vorgefassten Meinung zu kämpfen, dass einem wegen des angestrebten Offiziersberufes alle Türen unabhängig von der wirklichen Leistung offen stünden - jedoch kann dies unmöglich für alle Studienrichtungen in der NVA gegolten haben. Für uns angehende Flieger war schon ein gewisses Maß an Auffassungsgabe und wissenschaftlich-technischem Verständnis erforderlich, was man auch mit zahllosen psychologischen Tests bei der Flugmedizinischen Kontrolle in Königsbrück sicherzustellen versuchte. Offiziersschüler, die leistungsmäßig extrem weit unter dem Durchschnitt lagen und trotz der Hilfe anderer nicht von der Stelle kamen, wurden im Laufe der Zeit aus der Ausbildung entfernt und zumindest zum Teil aus dem Offiziersberuf entlassen. Im Zuge von Überprüfungen wurden Ergebnisse, die schlechter als die Note 3 waren, schlichtweg als Nicht bestanden gewertet; das „Durchmogeln“ mit einer 4 klappte also in der Ausbildung in der NVA nicht. Wurde die Leistung nicht gebracht, wobei es keine Rolle spielte, in welchen Ausbildungsfach dies auftrat, musste der Offiziersschüler wohl oder übel so lange lernen, üben und trainieren, bis die 3 erreicht wurde. Insbesondere am Ende eines Ausbildungsjahres, wenn für uns Offiziersschüler die Versetzung in das nächste Studienjahr anstand - wir also einen Balken mehr auf unseren Schulterklappen tragen durften - kam es im Einzelfall vor, dass diejenigen Offiziersschüler, die den Leistungsstand nicht erreichten, so lange auf dem „alten“ Dienstgrad sitzen blieben, bis man ihnen den entsprechenden Leistungsstand abgerungen hatte. Prinzipiell trafen all diese Maßstäbe auch während der fliegerischen Ausbildung zu, wobei dort in aller Regel die erreichten Leistungen gut waren und nicht zu solchen drastischen Maßnahmen gegriffen werden musste.

Der Leistungsstand wurde in den theoretischen Ausbildungsfächern regelmäßig geprüft. Auch wenn man die Termine der Leistungskontrollen vorher kannte und somit wenig überrascht sein sollte, so bedeutete der umfangreiche Lehrstoff doch immer ein ständiges Lernen. Unsere militärischen Vorgesetzten, Zugführer bzw. Kettenkommandeure, waren immer gut über den generellen Leistungsstand unterrichtet. Bei größeren Lücken wurden von ihrer Seite Maßnahmen unternommen, um den Anschluss an das geforderte Leistungsfeld wieder zu schaffen. Hinter diesem harmlosen Satz verbargen sich oftmals auch Nichtgenehmigungen von Kurzurlaub am Wochenende („um Zeit für das Lernen zu haben“) bis hin zu persönlichen Überprüfungen des Wissens.

Insbesondere in den theoretischen Fächern, die tief an unserem Verständnis der Welt rüttelten und die wir wohl in der Praxis niemals in dieser Reinstform erleben würden, mussten wir eifrig lernen. Überhaupt waren die meisten Sachen trotz unserer umfassenden fliegerischen Vorbildung Neuland. Zwar konnten wir nach den klassischen Theorien zielsicher erklären, warum ein Flugzeug fliegt und wie ein navigatorisches Geschwindigkeitsdreieck aussieht, jedoch betraten wir mit der Theorie des Hubschraubers völlig unbekanntes Gelände. Kaum jemand wusste im Vorfeld der Ausbildung etwas über die Zusammenhänge von Tragschrauben, Schrägstellautomaten, Steuerungen, Triebwerken und anderen komplizierten Elementen, die den Hubschrauber zum Fliegen bringen - ganz zu schweigen von der Aerodynamik, die uns vom ersten bis zum letzten Ausbildungstag umbarmherzig forderte. Unter Federführung von Oberstleutnant Dr.Norbert Wilke (mit dem wohl jeder Hubschrauberführer der DDR schon zu tun hatte) lernten wir umzugehen mit Kräften, Drehmomenten, Anstellwinkeln und Gleichgewichtsdiagrammen, wobei zwischen seinen ersten Darstellungen an der Tafel und unseren ersten wirklich(!) selbständig entworfenen Darstellungen des Gleichgewichtszustandes in der Standschwebe (einer der Kernpunkte der Hubschrauber-Aerodynamik) etliche Wochen lagen.

Ausbildungsumfang

Die theoretische Ausbildung umfasste während der gesamten 4 Studienjahre folgende Fächer:

Ausbildungsumfang
Mathematik 90 Stunden
Physik 94 Stunden
Hubschrauberkunde (HK) 154 Stunden
Triebwerkskunde (TWK) 80 Stunden
Aerodynamik und Flugmechanik (AeF) 134 Stunden
Elektro- und Spezialausrüstung (ESP) 128 Stunden
Funk- und Funkmesstechnik (FFM) 114 Stunden
Nachrichten- und Flugsicherungsausbildung (NFS) 80 Stunden
Navigation (Nav) 190 Stunden
Meteorologie (Met) 70 Stunden
Automatisierungstechnik und Informatik 110 Stunden
Taktik der Luft- und Landstreitkräfte, Fremde Streitkräfte (TaLSK, TaLSK, FS) 200 Stunden
Militärische Körperertüchtigung (MKE) 300 Stunden
Bewaffnung (BEW) 108 Stunden
Russisch
-für die „Frunse-Kette“
-für „normale“ OS
 
400 Stunden
100 Stunden
Allgemein-Militärische Ausbildung 50 Stunden
Gesellschaftswissenschaftliche Ausbildung (GWA), bestehend aus
  • Philosophie, Dialektischer und historischer Materialismus (Phil, DHM)
  • Politische und Militärökonomie (PMÖ)
  • Geschichte und Militärgeschichte (GMG)
  • Militärpsychologie und Pädagogik (MPP)
  • Führung der politischen Arbeit (FPA)
1000 Stunden

Gemeinsam mit nicht aufgeführten Ausbildungszeiten, die sich aus dem militärischen Ablauf ergaben, lag die Summe für die Spezialfachliche Ausbildung bei ca.3500 Stunden. Freilich gab es für uns Offiziersschüler keine allgemein zugängliche Statistik, jedoch wurde uns seinerzeit immer bestätigt, dass wir als Flieger (wobei es kaum Unterschiede zwischen Hubschrauber-, Jagd- und Transportfliegern gab) zusammen mit dem Zeitaufwand der fliegerischen Ausbildungsphasen von ca.2000 Stunden auf ein Gesamtpensum von annähernd 5500 Stunden kämen. Als Vergleich wurde uns stets eine Zahl von ca.4000 Stunden für Offiziere anderer Fachrichtungen genannt. In einer nahezu gleichen Ausbildungszeit von 4 Jahren wurde uns erheblich mehr an Lernpensum verordnet.

Freilich hinken auch hier die Zeitvergleiche. Beispielsweise flossen bei anderen Waffengattungen in die Ausbildungszeit der Offiziersschüler „fremde“ Elemente ein (Wachkomplexe, Feldlager und andere) die wir als angehende Militärflieger nicht absolvierten.

Unterrichtsablauf

Der Unterricht selbst lief etwas anders ab, als wir es bis dahin aus unserem Schülerleben gewohnt waren. Nicht nur, dass wir mit Vorlesungen und Seminaren zu Recht kommen mussten - auch der Verlauf solcher Stunden war für uns neu. Unsere Ausbildung war völlig dem militärischen Umgang untergeordnet.

Am Anfang der Unterrichtseinheit musste der OS/ZF (manchmal übernahm auch einer der Gruppenführer diese Aufgabe) dem Lehroffizier per fest gelegtem Wortlaut Meldung über die Anwesenheit der Klasse erstatten.

„Genosse Oberstleutnant! Zug 861 mit 25 Offiziersschülern zur Ausbildung angetreten. 2 Offiziersschüler im Dienst, 1 im Urlaub.“

Die an der OHS-Sektion ebenfalls eingesetzten zivilen Lehrer wurden mit der Anrede „Genosse Fachlehrer“ bedacht. Selbstverständlich waren die Meldungen im Russischunterricht adäquat in russischer Sprache zu bringen. Der hier lehrende zivile Lehrer wurde dann zum „товарищ преподаватель“.

Innerhalb einer Unterrichtsstunde, wenn Fragen durch uns Offiziersschüler zu beantworten waren, konnten wir uns nicht einfach nach bekannter Oberschüler-Manier melden und unserem Wortschwall freien Lauf lassen. Anfängliche ungestüme Versuche in den ersten Studientagen brachten uns erhebliche Kritik der Lehroffiziere ein. Wie konnten wir nur das militärische Protokoll vergessen? Nach unpersönlicher Aufforderung durch den Lehroffizier durften wir uns in exakter Haltung aus der Sitzreihe erheben und mit Name/Dienstgrad melden, um sodann unsere Antwort los zu werden. Nach einiger Zeit, als die Offiziere unseren Gesichtern schon Namen zuordnen konnten und uns persönlich mit „Offiziersschüler xxx“ ansprachen, mussten wir daraufhin wiederum exakt mit der Meldung „Hier, Genosse Oberstleutnant!“ (je nach Dienstgrad des Lehroffiziers) aus der Bank hervorschnellen und die Antwort von uns geben.

Aufwändiges Protokoll war jedoch auch bei einem Vortrag vor der Klasse einzuhalten. Solche Vorträge gewannen immer mehr Bedeutung, waren sie doch eine hohe fachliche Forderung an den einzelnen und vermittelten zugleich den anderen die notwendigen Kenntnisse über das Thema. Nachdem man sich an das zumeist vorhandene Pult begeben hatte, mussten Meldung gegenüber dem Lehroffizier erstattet werden:

Offiziersschüler: “Genosse Oberstleutnant, Genossen Offiziersschüler! Thema meines Vortrages ist …. Sprechen möchte ich über …, Schwerpunkte meiner Ausführungen sind: ….

Genosse Oberstleutnant, gestatten Sie, dass ich beginne!“

Lehroffizier: „Beginnen Sie!“

Das Ende des Vortrages war dem Lehroffizier eindeutig zur Kenntnis zu geben: „Genosse Oberstleutnant, Ausführungen beendet!“

Der äußere Rahmen, das exakte militärische Auftreten, war an der OHS mindestens genau so wichtig wie der Inhalt. Hatte man Beginn und Abschluss seines Vortrages und den dazwischen liegenden „Wissensteil“ perfekt dargeboten, standen die Chancen um eine ordentliche Note gut. Die Aussage „Perfektes Auftreten ersetzt Wissen“ hat in einer Armee stets eine gewisse Gültigkeit, wenngleich wir ohne die wirklichen Kenntnisse nicht tatsächlich vorwärts kamen. Besser war Wissen, gepaart mit militärischem Auftreten. Nachlässigkeiten holten uns nach kurzer Zeit ein und forderten uns dann doppelt und dreifach.

Der Russischunterricht war für meine, die 1.Kette, besonders umfangreich, da sie das 4.Studienjahr in der Sowjetunion absolvieren würde. Das in fassbarer Ferne liegende 4.Studienjahr in Frunse würde uns tatsächlich eine theoretische und fliegerische Ausbildung ausschließlich in russischer Sprache bescheren. Vielleicht kam man noch durch die Theorie und andere gemeinsam zu erledigende Sachen, aber Fliegen auf der Mi-24…? Anders als bei einer Mi-8, wo die Hubschrauberführer nebeneinander saßen und sich notfalls mit Händen und Füßen verständigen konnten, waren nun die Pilotensitze hintereinander angeordnet. Volles Vertrauen musste in die sprachlichen Fähigkeiten des Offiziersschülers gesetzt werden; Befehle und Weisungen waren beim besten Willen nur sprachlich zu erkennen, und das in einem lauten Hubschrauber über die Bordverständigungsanlage mit der Sprachqualität eines Telefons. So gewann die russische Sprache zukünftig eine große Bedeutung, die weit über die in der NVA übliche Anwendung im Flugfunk hinausging. Freilich steckte in vielen Offiziersschülern eine Abscheu gegen die Sprache, denn die russische Sprache zeigt überhaupt keine Ähnlichkeit mit dem uns vertrauten Deutsch. Wo keine Verwandtschaft war, musste alles erlernt werden. Zu zahlreichen Texte über russische Hubschraubertechnik oder Fliegererlebnisse gesellten sich mehr oder weniger regelmäßige Fernseherlebnisse, bei denen wir in einschläfernder Weise den Worten von M.S.Gorbatschow auf einem Parteitag der KPdSU oder ähnlich hochrangigen Ereignissen in Originalsprache lauschten. Lichtblicke waren die von unserem rührigen zivilen Fachlehrer organisierten Besuche in einer sowjetischen Garnison in Brandenburg. Über viele Jahre waren bereits Kontakte zur Zentralen Fahrschule der GSSD in Brandenburg geknüpft. Mehr als ein Mal lauschten wir dort den Ausführungen eines sowjetischen Lehroffiziers, der uns mit befremdlichen Worten die Funktion von Motoren und LKW nahe bringen wollte. Trotz inzwischen gelernter Vokabeln blieb uns die Mentalität und Leistungsfähigkeit des sowjetischen Soldaten und Offiziers fremd; niemals hätten wir uns vorstellen können, unter solchen harten und unpersönlichen Bedingungen einen Dienst verrichten zu können. Das Murren aller NVA-Grundwehrdienstleistenden nahm sich gegen die Verhältnisse in einer sowjetischen Kaserne geradezu harmlos aus. Der sowjetische Soldat besaß nur seine Uniform; in ihr wurde vom Frühsport (da allerdings nur die Hosen, denn der Frühsport von 1 Stunde(!) Dauer wurde mit freiem Oberkörper durchgeführt) bis zur Gefechtsausbildung im unvermeidlichen Schlammfeld alles gemacht. Die 60 cm-Schlafpritschen im gigantischen, zum Teil mehr als zwei Dutzend Soldaten fassenden Schlafsaal boten noch um einiges weniger Annehmlichkeiten als unsere eigenen Betten. Der sowjetische Soldat war in seiner 2jährigen Dienstzeit nahezu abgeschnitten von seinen Daheimgebliebenen. Höchstens ein einziger Urlaub diente ihm zur moralischen Aufbau... und ohnehin gab es Gerüchte, dass den in der DDR stationierten Soldaten darob des hier genossenen Wohlstandes nach der ersten Hälfte der Dienstzeit eine Verlegung nach Afghanistan bevor stünde.

Unser Russischunterricht blähte sich auf 400 Stunden auf. Wir hielten Vorträge über Hubschraubertechnik oder politische Themen, sollten so optimal auf unser Studium in der SU vorbereitet werden. Dass es anders kam, lag an der Wende in der DDR - dafür hatten jedoch zahlreiche Offiziersschüler der vorherigen Jahrgänge den Schritt in die Kirgisische SSR getan und berichteten von dort mit gemischten Eindrücken. Eine tatsächliche (Ab)wahl des Studienortes stand uns ohne hin nicht an, jedenfalls nicht ohne gehörige militärische und parteiliche Konsequenzen. Wir fügten uns in die bevorstehende monatelange Trennung vom gewohnten Umfeld, einschließlich unserer Familien und Freundinnen.

Die erste Etappe der Spezialfachliche Ausbildung fand nach 8 Monaten in einer Vielzahl von (Zwischen)Prüfungen in nahezu jedem Ausbildungsfach ihren Abschluss. Neben den theoretischen Grundlagenkenntnissen war uns bereits umfangreiches Wissen in der Typausbildung Mi-2, unserem ersten Fluggerät, vermittelt worden. Leistungskontrollen und notenträchtige Seminare hatte es bereits in den letzen Monaten fortwährend gegeben, so dass wir beständigen Lernstress umfassend kannten.

Gleichsam als Signal war für den letzten Tag unserer theoretischen Ausbildung ein Härtekomplex angesetzt, den wir gemeinsam mit den anderen bodenständigen Angehörigen des Geschwaders absolvieren mussten. Die fliegerische Ausbildung bereits zum Greifen nahe vor den Augen, stapften wir unsere 15km im Eiltempo durch den Wald. Als angehende Flieger hatten wir als persönliche Bewaffnung keine MPi mehr, so dass wir für diesen Marsch die hölzerne Fecht-MPi mitführen mussten (unsere Pistole schien irgendwie nicht zu zählen…). Was wir anfangs höhnisch belächelt wurden, zahlte sich am Ende zu unseren Gunsten aus: während die anderen Einheiten des FTB und ITP noch ihre echte Technik putzen mussten, konnten wir unsere Holzkloben einfach abstellen und Dienstschluss machen. Freudig registrierten wir die letzte Dienstausgabe an jenem Samstag; nun war die Theorie vorbei! Der große Schritt zur 1.Fliegerischen Ausbildungsphase war getan.

Zweite Theoretische Periode

Nahezu 1 Jahr flogen wir nun auf der Mi-2, Juni'87 bis Mai'88.

Nach dieser ersten fliegerischen Periode kehrten wir an die Schulbänke zurück. Teilweise empfanden wir nun den geregelten Tagesablauf des Schulalltages in der Sektion 4 (noch 1986 war die Ausgründung der OHS der LSK/LV für Militärflieger erfolgt und hatte nun aus der ehemaligen Sektion 8 die Sektion 4 gemacht) als regelrecht angenehm, auch wenn wir den Frühsport nicht ausschalten konnten. Die Fliegerei zuvor war mit langen Flugdiensten, Früh- und Spätschichten behaftet, die uns nur wenig persönliche Freiheit ließen. Nun gab es wieder Standard-Wecken um 5:40 und Standard-Dienstschluss um 17:15. Die inzwischen gewonnenen praktischen Erfahrungen erleichterten uns den Unterricht vielfach, hatten wir doch bereits Verständnis für so manches fachliche Problem entwickelt.

Taktische Lehrfächer

Neben der Weiterführung bekannter Unterrichtsfächer kamen erweiterte Lehrinhalte auf uns zu. Neu war insbesondere die Gesamtheit der taktischen Ausbildungsfächer. Anders als bei unseren Gleichgesinnten bei Mot.Schützen, Artillerie oder Panzerkommandeuren spielte sich bei uns Flieger-Offiziersschülern das meiste jedoch im Lehrkabinett ab.

Nur wenige Stunden gab es im Fach Taktik der Luftstreitkräfte, denn typische Luftkampfmanöver hatte man als Hubschrauberführer wahrscheinlich nicht vor sich - und wenn, dann zumeist in der Rolle des Opfers eines Jagdfliegers. Um so mehr Wert wurde der Rolle des Hubschraubers als Waffe der Landstreitkräfte beigemessen. Ob als Transport- oder Kampfhubschrauber zur Panzerabwehr - in aller Regel unterstütze man die Verbände und Truppenteile am Boden. Die Taktik der Landstreitkräfte wurde groß geschrieben, forderte uns Kenntnisse über die Technik der am Boden kämpfenden Truppen ab. Viel theoretisches Wissen, freilich nur wenig untersetzt mit praktischen Erfahrungen. Woher hätten wir sie zu diesem Zeitpunkt auch nehmen sollen? Das Papier fasste unsere taktischen Lageskizzen mit roten, blauen und schwarzen Kräften, ohne dass wir tatsächlich Ahnung von den Vorgängen da unten hatten. Instinktiv zählte für uns nur die eigene Kampfhandlung wie Panzerabwehr oder Lufttransport und die eigene Sicherheit. Auch in diesem Fach hätten wir mit unserem ausschließlich theoretischen Wissen nur völlig unzureichend einer echten Anforderung in den Truppenteilen gegenüber gestanden. Bescheidene Flüge in extrem geringen Höhen während der fliegerischen Ausbildung waren nur ein erster Vorgeschmack auf spätere flugtaktische Erfahrungen. Ungleich schwerer als die Theorie waren die am eigenen Fliegerleibe erfahrenen Schwierigkeiten bei der Navigation und der Geländesicht in 30m Flughöhe, standen in krassem Gegensatz zum Taktikunterricht, wo wir mit der Weitsicht eines alles Überschauenden großräumige und erfolgreiche Entscheidungen treffen konnten.

Immerhin saßen nun jede Menge theoretische Kenntnisse über Ausrüstung und taktische Kampfhandlungen von Mot.Schützen- und Panzerkompanien, Regimentern und Divisionen in unserem Kopf.

Gefahrlos wären wir Flieger auf dem europäischen Kriegsschauplatz nicht unterwegs gewesen. Artillerie, Truppenluftabwehr, gegnerische Kampfhubschrauber und Flugzeuge würden für einen schwarzen, undurchdringlichen Himmel sorgen. Bei technisch nahezu ebenbürtig ausgestatteten Kriegsgegnern würde es keinen echten Sieger geben. Die NVA und ihre Hubschrauber wären so auch „nur“ die erste Staffel in der großen Schlacht gewesen. Immerhin hatte sich über die NVA und ihr unmittelbares Gegenüber, die Bundeswehr, über alle Jahre das geflügelte Wort gehalten: „Den Gegner aufhalten, bis richtiges Militär kommt.“.

Für die entsprechenden Angaben über die Gegenseite sorgte das Lehrfach Fremde Streitkräfte. Das Fach beinhaltete im Wesentlichen den Unterricht über die NATO-Streitkräfte. Zwar hätten wir auf Grund der allgemeinen Bezeichnung durchaus auch die Streitkräfte der Warschauer Vertragsstaaten in diesem Fach behandelt vermutet, jedoch war das „Fremde“ in „Fremde Streitkräfte“ einzig und allein eine der politisch Entspannung in den 80er Jahren geschuldeten Bezeichnung - die NATO war nun offiziell nicht mehr der Gegner, wenn auch potenziell dazu in der Lage. Sonst wären wir wohl mit dem Lehrfach „Gegnerische Streitkräfte“ aufgewachsen.

Höhepunkt dieses umfangreichen Lehrkomplexes war unser Besuch beim Waffenwirkungsschießen im Jahre 1988. Für uns Offiziersschüler nach aller Theorie überhaupt die erste Gelegenheit, nahezu jeden Waffenkomplex der NVA im Einsatz zu sehen. Zwar erlebten wir im Herbst 1988 die 4-stündige Fahrt zum Übungsgelände Nochten in einem fürchterlich kalten und zugigen LKW, wurden dann jedoch mit der umfangreichen Vorstellung der Kampftechnik entlohnt. Auch trafen wir, da an diesem Tage wohl Offiziersschüler von allen OHS der NVA gekommen waren, unsere adäquaten Flieger-Jahrgänge aus Bautzen und Kamenz. Mit großen Hallo begrüßten wir uns gegenseitig und darüber hinaus jeder Anwesende "seine" Waffengattung. Bei uns Brandenburgern ließ natürlich das Paar Mi-24D (der Insider wusste: KHG-3, Cottbus), das sich im Tiefstflug hinter der Tribüne angeschlichen hatte, eine Gänsehaut über den Rücken laufen. Mit Flugmanövern, die wir in der Ausbildung der Mi-8 nicht abringen konnten, fegten sie über das Gefechtsfeld und verschossen die für diesen Tag befohlenen oder genehmigten Falanga-PALR. Gemeinsam mit den ebenfalls zum Einsatz gekommenen Mi-8 bekämpften sie Panzerattrappen und Erdziele, so wie wir es in unserer Ausbildung zumeist nur imitierten.

Panzer, SPW und Geschütze aller Arten bekämpften ihre Ziele. Die Eisenbahnschwellen, aus denen die gegnerischen Bunker bestanden, flogen meterhoch in die Luft. Ohrenbetäubender Lärm beherrschte den Übungsplatz, die Schläge gingen uns im wahrsten Sinne des Wortes durch den Bauch. Die Panzer fuhren in ihrer Staub- und Abgaswolke mit ungebändigten PS über den sandigen Boden, die Kanone zielte von unsichtbarer Hand gesteuert immer auf den angenommenen Gegner. Am eindrucksvollsten jedoch die Geschosswerfer: imposant aus dem Startgestell pfeifend schossen die Enkel der Stalinorgeln die Raketensalve in wenigen Sekunden auf ihren Gegner in einem Dutzend Kilometer Entfernung.

Zu unser aller Bedauern konnte an diesem Herbsttag in Laage keine der eigentlich geplanten Su-22 aufsteigen. Wann sahen wir schon einmal echte Jagdbomber? Nebel und eine niedrige Wolkenuntergrenze am Platz zwangen die Flugzeuge an den Boden. Immerhin schaffte es wenigstens eine An-26 eindrucksvoll, angehende Fallschirmaufklärer (und tatsächlich die einzigen an dieser Vorführung aktiv teilnehmenden Offiziersschüler) abzusetzen.

Das Waffenwirkungsschießen war so für uns ein eindrucksvoller Meilenstein der taktischen Ausbildung, wenngleich für die reichlich theoretischen Betrachtungen in unserem Lehrkabinett und bei den alsbald folgenden Prüfungen nicht sonderlich hilfreich.

Abschluss der Spezialfachlichen Ausbildung

OS Hietschold. Foto vor der entfalteten Truppenfahne, 1989 Die zweite theoretische Ausbildungsphase schlossen wir nach reichlichen 6 Monaten ab. In nahezu allen Fächern waren die Abschlussprüfungen absolviert. In den technischen Fächern gab es größtenteils schriftliche Prüfungen, meistenteils war das Prinzip "Konkrete Frage-konkrete Antwort" hier ausreichend. In vielen anderen Fächern mit großem Erläuterungsbedarf, wie Taktik und Aerodynamik, wurden mündliche Prüfungen abgehalten. Oftmals kam uns dies nicht ungelegen, lassen sich doch in einer mündlichen Darlegung Unklarheiten gut ausräumen und das eigene Wissen besser "verkaufen". Natürlich brauchten wir in einer mündlichen Prüfung auch nicht so viel zu schreiben.

Gesellschaftswissenschaftliche Hauptprüfung

Eine der wichtigsten Prüfungen im Leben eines angehenden NVA-Offiziers war die Gesellschaftswissenschaftliche Hauptprüfung. In den vergangenen dreieinhalb Jahren waren 1000 Stunden GWA auf uns eingestürmt. Die 5 Ausbildungsfächer waren zeitlich aufeinander folgend gestaffelt. Jedes von ihnen wurde mit einer eigenen, umfangreichen mündlichen Prüfung abgeschlossen. Je nach persönlicher Veranlagung zu diesen Fächern, deren reale Bezugspunkte uns oftmals abgingen, kamen die Offiziersschüler nicht alle gleich mit der Anforderung in diesen politischen Fächern zurecht und arbeiteten sich mehr oder weniger mit Glück durch die Schwerpunkte der Prüfung.

Nun kam noch eine Hauptprüfung auf uns zu, in der wir alles Wissen aus den vergangenen Jahren und aus allen GWA-Fachgebieten unter Beweis stellen mussten. Von allen Jahrgängen zuvor war uns berichtet worden, wie außerordentlich unbequem diese komplexe Prüfung war.

Im beginnenden Jahre 1990, als mein Ausbildungsjahrgang mit dieser Prüfung an der Reihe war, ereilte uns die politische Wende in der DDR. Die Prüfung in der bekannten Form ist uns nach langen internen Diskussionen in den vorgesetzten Stellen der OHS erspart geblieben, trat doch die Wende alles gelernte Wissen mit Füßen. So wurde die GWA-Hauptprüfung in einer kleineren mündlichen Form abgehalten. Im Vorfeld der Prüfung wurden ca.15 Themen von politisch weniger verfänglichem Inhalt ausgegeben, aus denen sich jeder Offiziersschüler nach eigenem Belieben eines aussuchen und in aller Ruhe (mehrere Tage!) vorbereiten konnte. So gestaltete sich die Hauptprüfung als relativ einfach und bescherte uns fast durchweg gute Noten.

Mit der Gesellschaftswissenschaftlichen Hautprüfung war die letzte der theoretischen Prüfungen absolviert. Einzig die noch folgende Verteidigung der Diplomarbeit stand vor dem Erhalt des Abschlusszeugnisses im Sommer 1990.